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Die Freiwilligen in der City
Feuerwehr Reutlingen Abteilung
Freiw. Feuerwehr Stadtmitte

Ausbildung in der Wärmegewöhnungsanlage

Auf Anhieb wirkt die Wärmegewöhnungsanlage der Feuerwehr Reutlingen nicht spektakulär. Die umgebauten Schiffscontainer sind von außen blau lackiert, nur ungewöhnlich viele Türen und Fenster weisen darauf hin, dass es sich hier nicht nur um Transportcontainer handelt. Auf der Freifläche vor der WGA hat ein Löschfahrzeug Stellung bezogen, Schlauchleitungen liegen bereit, während sich Feuerwehrleute mit Atemschutzgeräten ausrüsten. Penibel kontrollieren sie den richtigen Sitz der Schutzkleidung.

Denn gleich wird es heiß werden. Wärme wird in der Wärmegewöhnungsanlage neu definiert. Für den Normalbürger ist ein Sommertag warm, vielleicht auch schon heiß. In den Stahlcontainern wird dagegen ein Feuer entzündet. Mehrere Holzpaletten brennen unter kontrollierten Bedingungen ab, vergleichbar etwa mit dem Brand eines Holzrahmens eines kleinen Sofas. Die Hitze staut sich, es werden rund 200 Grad Celsius erreicht. In den Containern sollen die Feuerwehrleute, egal ob haupt- oder ehrenamtlich, das effektive Arbeiten bei einem echten Brand lernen können.

In der Theorie wurde zuvor das vermittelt, was die Brandbekämpfer nun in der Praxis erleben werden. Ein unscheinbarer Holzkasten dient als Modell für ein Zimmer, kleine Holzmöbel stehen darin, auch etwas Papier. In einer Ecke entzündet einer der Ausbilder einen kleinen Haufen Reisig. Das Feuer ist zunächst überschaubar, der Rauch zieht schnell aus der fehlenden Wand des Zimmers, durch das die Feuerwehrleute den Brand beobachten. Langsam färbt sich die Decke schwarz. Mit der Zeit entwickelt das Feuer eine größere Dynamik, beginnt der Rauch schwarz zu werden und den Deckenbereich auszufüllen. "Andere Möbelstücke, die von den Flammen gar nicht berührt werden, beginnen jetzt auszugasen", erklärt einer der Ausbilder. Dampf steigt auf. In den oberen Rauchschwaden greifen die Flammen immer wieder weiter um sich. Sie arbeiten sich nicht am Holz entlang - die Rauchgase selbst verbrennen und tragen die Flammen weiter. Durch große Hitze kommt die Luft in Bewegung, es ist gut sichtbar, wie das Feuer die Luft ansaugt. Dann kommt es zur Durchzündung: Von einem Moment auf den anderen steht der Holzkasten im Vollbrand, haben auch alle anderen Möbelstücke Feuer gefangen. Die Demonstration ist zu Ende. Ein Schubser befördert den Holzkasten auf den Boden, mit der offenen Seite zum Boden erstickt das Feuer.

Was im Modell interessant aussieht, soll nun in der Praxis erlebt werden. Zuvor aber übernimmt Frank Wittel, stellvertretender Freiwilliger Feuerwehrkommandant, die Sicherheitsunterweisung. Alle Türen der Container sind so aufgebaut, dass sie von Innen jederzeit durch etwas Druck geöffnet werden können. Jeder kann die Übung zu jedem Zeitpunkt abbrechen. "Wir wollen hier keine Helden schaffen, die meinen alles aushalten zu müssen", sagt Wittel. "Wir wollen hier vernünftigen Feuerwehrleuten Erfahrungen vermitteln, um im Ernstfall sicheres Arbeiten zu ermöglichen. Sechs Feuerwehrleute werden mit einem Ausbilder in den Container gehen, in einem Bereich des L-förmigen Innenraums wird ein Palettenfeuer entfacht. Gegen den Uhrzeigersinn werden später im Inneren die Plätze getauscht, niemand soll die ganze Zeit in vorderster Reihe stehen. Aber alle sollen das Feuer beobachten können, die Brand- und Rauchentwicklung. Die Hitze. Bis es zum Vollbrand der gesamten Paletten (also des simulierten Möbelstücks) kommt. Ziel ist, den Brandverlauf verstehen und einschätzen zu können. Und die Erfahrung zu machen, wie "Warm" es in einem Feuer wirklich werden kann. Damit einem im Ernstfall nicht gleich die Luft wegbleibt. Auch wenn bei einem Zimmerbrand noch weitaus höhere Temperaturen erreicht werden können wie in der WGA. Denn dann brennen nicht nur Holzlatten, sondern auch Kunststoffe und Textilien.

Dann geht es los. Gewöhnungsbedürftig ist schon der Moment, wenn die Zugangstüren geschlossen werden. Erst ist es dunkel. Dann gewöhnen sich die Augen an die fehlende Helligkeit, der Feuerschein wird wahrgenommen. Die Konzentration aller Atemschutzgeräteträger ist nun auf die Flammen gerichtet. Alle knien möglichst tief am Boden - am heißesten wird die Luft an der Decke des Raumes. "Zieht einen Handschuh aus und haltet die Hand nach oben", lautet die Anweisung des Ausbilders. Tatsächlich verändert sich die Luft auch im hinteren Bereich des Containers, vermeintlich weitab vom Feuer. Ein Luftzug ist zu spüren, wo keiner sein sollte. Die Wärme nimmt deutlich zu, die Luftfeuchtigkeit ist merklich höher als im unteren Bereich des Containers. Erleichterung schwingt mit, als die Handschuhe wieder angezogen werden. Im vordersten Bereich des Containers wird es nun warm. Unangenehm warm. Und es wird schnell heißer. Jede dünne Stelle an der Schutzkleidung, etwa der Übergang zwischen Atemschutzmaske und Einsatzjacke, wo nur die Flammschutzhaube schützt, macht sich schmerzlich bemerkbar. Jeder Schritt zurück beim Abwechseln ist eine wohltat. An der Decke ist die Rauchschicht inzwischen tiefschwarz und zugleich deutlich herabgesunken. Beim Kriechen achtet man nun penibelst darauf, die isolierenden Luftpolster in der Einsatzkleidung aufrecht zu erhalten. Als dann die "Dancing Angels" zu sehen sind, also die Flammenzungen, die bei der Verbrennung der heißen Rauchgase entstehen, heißt es: "Rückzug!". Es wird wieder taghell, einige Schritte, und man steht im Freien. Es dampft aus der Einsatzkleidung, beim Ablegen sind manche Teile dann doch ziemlich heiß.

Nun ist trinken angesagt. Eine Pause. Erholung, bevor es mit der zweiten Runde weiter geht. Nun wird ein Brandeinsatz simuliert. Eine Wohnung soll erkundet werden: Ist der erste Container noch nahezu rauchfrei, so soll dort die Schlauchreserve mittels eines Schlauchpaketes angelegt werden, ein Rauchschutzvorhang soll gesetzt werden. Dieser verhindert, dass Rauch durch die geöffnete Türe des Brandraums in noch sichere Bereiche entweichen kann. Das ermöglicht bei einem Hochhaus etwa das Treppenhaus als Rettungsweg offen zu halten. Und es kann Sachwerte schützen, die sonst durch die Kontamination mit den giftigen Rauchgasen verloren wären. Der Zwei-Mann-Trupp geht nun in den eigentlichen Innenangriff: Mit dem Strahlrohr geht es an den Brandherd, wo Wasser auf die Flammen abgegeben wird. Das Löschen ist nicht Sinn der Sache - schließlich soll das Feuer für den nächsten Trupp noch brennen. Doch schon der kurze Wasserstrahl sorgt für eindrückliche Lerneffekte: Die Dunkelheit, die sich schlagartig ausbreitet, als das Wasser die Flammen zurückdrängt. Und der Wasserdampf, der durch die Schutzkleidung bis zur Haut vordringt und die Hitze auf eine ganz neue Art und Weise unangenehm spürbar macht. Dann geht es auch schon weiter, durch die nächste Türe. Im verrauchten, dritten Containerraum soll mittels der Hydroventilation der Raum rauchfrei gemacht werden. In der Theorie sieht die Sache so aus: Durch das Abgeben von Wasser über das Strahlrohr durch ein Fenster soll der Rauch mit aus der Wohnung gezogen werden. In der Praxis muss der Trupp in dem sockdunklen Raum erst einmal ein Fenster finden. Ganz wie im wahren Leben. Dann ist die Übung beendet, verschwitzt und voller neuer Erfahrungen wird die Wärmegewöhnungsanlage verlassen. Trinkpause.

Dann folgt der Erfahrungsaustausch, das Feedback der Ausbilder. In einem Fall etwa gab der Truppmann zu früh Wasser ab - die einsetzende Dunkelheit überraschte und desorientierte den Truppführer, der noch die Schlauchleitung nachgezogen hatte. Fehler, die im kontrollierten Rahmen der Übung harmlos sind - und aus denen für den Einsatz gelernt werden kann und soll. Allesamt hat sich eine Erfahrung eingeprägt: Im ersten Durchgang, bei der Beobachtung des Feuers, wirkte die Hitze deutlich schlimmer als beim zweiten Anlauf. Kein Wunder: Beim zweiten Mal hatten die Trupps Aufgaben - statt sich auf die Hitze zu konzentrieren, galt es den Löschangriff vorzubereiten. Eine wichtige Erfahrung: Im Einsatz zu wissen was man tut gibt nicht nur Sicherheit, sondern auch Durchhaltevermögen.

Alle zwei Jahre sollte jeder Atemschutzgeräteträger bei der Feuerwehr Reutlingen die Wärmegewöhnungsanlage auf dem Übungsgelände Reihersteige durchlaufen. Zudem steht bei der Feuerwehr Reutlingen auch noch eine gasbefeuerte Übungsanlage zur Verfügung: In dieser steht nicht die Wärmegewöhnung, sondern das richtige Verhalten beim Einsatz des Strahlrohres und im Falle einer plötzlichen Durchzündung im Vordergrund.

Alexander Thomys